27. Juni 2012 Kompetent im Alltag

LandFrauen wollen Unterrichtsfach Alltags- und Lebensökonomie

Vor dem Hintergrund der eigenen Projekterfahrungen in der Ernährungs- und Verbraucherbildung fordert der Deutsche LandFrauenverband die Einführung eines Unterrichtsfaches zur Vermittlung von Kompetenzen für die Alltags- und Lebensführung.

Warum ein Unterrichtsfach?

Kompetenzdefizite sind bereits vielfach in Studien belegt. Sie haben nicht allein für das Individuum weitreichende Folgen, sondern für die gesamte Gesellschaft. Insbesondere angesichts folgender Probleme besteht dringender Handlungsbedarf: ernährungsbedingte Krankheiten (Übergewicht, Diabetes etc.), Verarmungsrisiko durch unzureichende Alters- und Gesundheitsvorsorge, Ver- und Überschuldung von Privathaushalten wegen gravierender Defizite im Finanzmanagement, Überforderung bei der Familien- und Haushaltspflege, Unkenntnis über die Auswirkungen des eigenen Handelns für Umwelt, Natur und Gesellschaft sowie mangelndes Verständnis über gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge.

Es ist zu beobachten, dass der Lernort Familie an Bedeutung verloren hat und lebensnotwendige Kompetenzen nicht (mehr) an die nächste Generation weitergegeben werden. Gleichzeitig bringt der gesellschaftliche Wandel neue Herausforderungen mit sich. Privathaushalten wird immer mehr Eigenverantwortung in der Daseinsgestaltung und Daseinssicherung abverlangt [1]. Angesichts zunehmend komplexer werdender und internationaler Märkte fällt es Verbraucherinnen und Verbrauchern außerdem schwer, die Folgen ihrer Konsumentscheidungen einschätzen zu können.

Ein Unterrichtsfach an allen Schularten bietet durch Bündelung und einer gezielten Lehrerausbildung die Möglichkeit, die o.a. gesellschaftsrelevanten und ökonomischen Kenntnisse zentral zu vermitteln. Bundesweit müssen entsprechende Studiengänge an den Universitäten eingerichtet werden, welche dann im Studium Kenntnisse in Fachdidaktik, Fachwissenschaft und Fachpraxis gleichermaßen ver-mitteln. So kann beispielsweise Baden-Württemberg schon heute auf diese Fachkräfte zurückgreifen, welche seit Jahrzehnten an den Pädagogischen Hochschulen das erste Staatsexamen abgelegt haben. Dort wird das Fach an einigen Schularten unterrichtet.

Die Lehrkräfte an den Schulen sollten dann auch weiterhin mit externen Fachkräften projektorien-tiert zusammenarbeiten. Die Umsetzung des aid-Ernährungsführerscheins durch LandFrauen beispielsweise bringt synergetische Effekte für die Kinder hervor. Jede Schule sollte sich zudem ein Konzept der Ernährungsbildung in Vernetzung mit der Schulverpflegung zugrunde legen.

Unterrichtsfach von der ersten bis zur zehnten Klasse

Notwendig ist ein eigenständiges Unterrichtsfach zur Alltags- und Lebensführung, das von der Primarstufe bis zur zehnten Klasse verpflichtend an allen Schularten unterrichtet wird. Das Unterrichtsfach legt so auch einen wichtigen Grundstein für andere Fächer. Erste Grundlagen müssen bereits in den Kindertageseinrichtungen gelegt werden.

Der Erwerb von praktischen Kompetenzen muss wissenschaftlich fundiert sein. Unterricht sollte sich immer an der Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler orientieren. Bei einem Unterrichtsfach dieser Art kann direkt daran angeknüpft werden und somit eine nachhaltige Wirkung automatisch erzielt werden. Je niedriger die Schulstufe, desto höher sollte der Praxisanteil sein.

Bildungsziele und Lehrinhalte

Wissen hat heute eine sehr kurze Halbwertszeit. Im Vordergrund steht daher der Erwerb von Struktur- und Funktionswissen sowie Kompetenzen zur Erschließung und Bewertung von Informationen [2]. Um ein Leben in Verantwortung für sich selbst, für andere und für die Umwelt führen zu können, brauchen junge Menschen ein reflektiertes Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt, Selbstkompetenz, Sozialkompetenz, aber auch Fachkompetenz, einschließlich Methoden- und Problemlösekompetenz [3]. Dazu gehört auch das Internalisieren von Fertigkeiten insbesondere im Bereich der Haushaltsführung, die später als Routinehandlungen den Alltag entscheidend erleichtern können.

Mit dem Modellprojektes REVIS (Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schulen)[4] und dem Europäischen Kerncurriculum [5] gibt es bereits erfolgreich erprobte Ansätze. Das Bundesland Schleswig-Holstein hat mit der Etablierung eines eigenständigen Unterrichtsfaches auf Grundlage von REVIS schon einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht.

Mit Blick auf den Erwerb weiterer wichtiger Verbraucher- und Wirtschaftskompetenzen ist ein neuer theoretischer Ansatz zur schulischen Wirtschaftssozialisation der Professur für Haushalts- und Konsumökonomik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität einzubeziehen. Auch hier liegen erfolgreiche Modellversuche an Schulen vor [6].

Auf Grundlage der genannten Konzepte hat der Deutsche LandFrauenverband Vorschläge für wesentliche Bildungsziele und Lehrinhalte für ein Unterrichtsfach Alltags- und Lebensökonomie erarbeitet. Die Inhalte des Unterrichtsfaches unterteilen sich dabei in vier große Themenfelder: 1. Ernährungs- und Gesundheitsbildung, 2. Verbraucherbildung, finanzielle Allgemeinbildung, 3.Hauswirtschaftliche Bildung i.e.S. und Familienpflege, 4. gesamtgesellschaftliches Wirtschaften und Nachhaltigkeit (weiteres siehe Anhang).

Vom Präsidium am 11.06.2012 verabschiedet.

[1] Thiele-Wittig, M.: Neue Hausarbeit im Kontext der Bildung für Haushalts- und Lebensführung. In: Oltersdorf, U.; Preuß, Th. (Hrsg.): Haushalte an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend. Aspekte haushaltswissenschaftlicher Forschung - gestern, heute, morgen. Frankfurt/New York 1996, S. 342 - 362

[2] Kaminski, H.: Finanzielle Allgemeinbildung als Teil der ökonomischen Bildung. Oldenburg 2011. S. 4

[3] Oehler, A.: Verbraucherbildung, ja!: Aber welche? Beitrag auf der 2. BMELV-Netzwerkkonferenz „Verbraucherbildung – Konsumkompetenz stärken“ am 8. Mai 2012 in Berlin

[4] Universität Paderborn (Hrsg.): Schlussbericht für das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. REVIS Modellprojekt. Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung an Schulen 2003 – 2005. Paderborn 2005

[5]Heindl, I.: Europäisches Kerncurriculum. Inhalte und Lernziele der Ernährungsbildung. In Internet: www.evb-online.de/docs/Poster_EU-Kerncurr.pdf Anhang. Stand: 30.05.12

[6] Piorkowsky, M.-B.: Alltags- und Lebensökonomie. Erweiterte mikroökonomische Grundlagen für finanzwirtschaftliche und sozioökonomisch-ökologische Basiskompetenzen. Göttingen 2011

 

 

Nach oben Zurück zur Übersicht