26. November 2013·Gerechte Chancen·Ländlicher Raum

Gehen und Wiederkommen!

Die Abwanderung von jungen Frauen aus den ländlichen Räumen in der Phase der Ausbildung ist keine neue Erkenntnis. Problematisch wird es dann, wenn diese Abwanderung dauerhaft ist, weil die jungen Frauen immer seltener erkennen können, dass ihre Lebensplanung auf dem Land zu verwirklichen ist und sich dadurch die Geschlechterproportionen im ländlichen Raum einseitig verschieben[1]. Bleiben oder gehen ist eine individuelle und oftmals von persönlichen Umständen geprägte Entscheidung.

Aber: die Entscheidung über das Bleiben, Gehen und Wiederkommen junger Frauen darf nicht auf Grund unzureichender Rahmenbedingungen getroffen werden.

Es ist wichtig, die Motive und Ursachen für eine verstärkte Abwanderung junger Frauen in den Blick zu nehmen und daraus Konsequenzen für die Zukunft abzuleiten. Der Deutsche LandFrauenverband fordert alle Akteure im ländlichen Raum auf, die strukturell bedingte Abwanderung junger Frauen durch gemeinsames und kooperatives Handeln zu verringern. Wir sind fest davon überzeugt: die Folgen von Abwanderung können gestaltet, Rückwanderung wieder stärker möglich sein, wenn es gelingt, die Chancengerechtigkeit im ländlichen Raum für (junge) Frauen zu verbessern.

Der Deutsche LandFrauenverband e.V. (dlv) fordert:

1. Arbeitsmärkte im ländlichen Raum stärker am Potenzial der Frauen ausrichten und Chancengerechtigkeit erhöhen

Junge Frauen wandern insbesondere ab, weil sie ihre Ausbildungs- und Berufswünsche verwirklichen und ihre Verdienstmöglichkeiten verbessern wollen. Die Wirtschaftsförderung im ländlichen Raum muss sich stärker auf die gut ausgebildeten jungen Frauen ausrichten und ihnen Perspektiven bieten.

Neue Erwerbsarbeitsfelder für Frauen im ländlichen Raum müssen geschaffen werden, abseits von niedrig bezahlten Teilzeitstellen oder Minijobs: ob Dienstleistungszentren oder der Bereich der haushaltsnahen Dienstleistungen - hier muss Wirtschaft und Regionalpolitik neue Möglichkeiten schaffen. Bei der Berufsorientierung von Mädchen müssen die handwerklichen Berufe stärker einbezogen werden.Die Möglichkeiten für Telearbeitsplätze sind bisher eingeschränkt und müssen durch einen verstärkten Breitbandausbau endlich verbessert werden.Unternehmensgründungen durch Frauen im ländlichen Raum müssen finanziell gefördert und durch konkrete Beratungsangebote stärker unterstützt werden.Der Anteil der weiblichen Betriebsnachfolger muss durch gezielte Kampagnen und Förderung erhöht werden. Nicht nur im Handwerk, auch in der Landwirtschaft sollte die Betriebsnachfolge durch junge Frauen eine größere Bedeutung einnehmen.

2.Lebensumfeld ländlicher Raum stärken

Ländliche Räume haben Potenzial. Sie bieten ihren BewohnerInnen Landschaft und Natur, genügend Wohnraum und ein gutes soziales Miteinander. Diese Stärken müssen besser kommuniziert werden. Vor dem grundgesetzlich verankerten Anspruch der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, fordern wir die Politik auf, ihrer Verantwortung für die Daseinsvorsorge nachzukommen und diese nicht auf das ehrenamtliche Engagement der BewohnerInnen abzuwälzen. Zur besseren Gestaltung dieser Politik für die ländlichen Räume muss zudem das Potenzial der Frauen verstärkt einbezogen werden.

Die Betreuungs- und Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche müssen, auch durch neue Ansätze und Kooperationen, erhalten, bzw. ausgebaut werden. Die Etablierung von jahrgangsübergreifenden Bildungshäusern halten wir für einen vielversprechenden Ansatz.Frauen müssen stärker in die Kommunalpolitik einbezogen, Einstiegshürden abgebaut und eine paritätische Besetzung der ländlichen Gremien endlich umgesetzt werden. Freiwillige Absichtserklärungen haben nichts geändert, deshalb brauchen wir eine Quotierung. Statt dem einseitigen, praktizierten Rückbau der Infrastruktur im ländlichen Raum muss der Umbau besser unterstützt werden. Bedarfsgerechte Konzepte und gemeindeübergreifende Kooperationen im Bereich der Infrastruktur müssen finanziell gefördert werden. Damit wird die Versorgungsqualität langfristig erhöht und verringert den Aufwand des täglichen Lebens. Unabdingbar ist die stärkere Förderung des öffentlichen Personen-Nahverkehrs und die Entwicklung von Konzepten für verbesserte Pendellösungen, gerade für Frauen und Familien im ländlichen Raum.Das soziale und kulturelle Leben muss durch eine verbesserte finanzielle Förderung von Vereinen, Räumen und Aktivitäten für alle Alters- und Bevölkerungsgruppen abgesichert werden. Die Bedürfnisse junger Frauen für die Verwirklichung ihrer Lebensplanung müssen aufgegriffen und der Austausch in Frauennetzwerken ermöglicht werden. Diese Netzwerke, beispielsweise im Deutschen LandFrauenverband, müssen stärker durch eine Förderung von Bund, Land, Kreis und Kommunen unterstützt werden.Der Zugang zu sozialen Netzwerken im Internet wird nicht nur von jungen Menschen genutzt und ist mittlerweile ein wichtiges Kommunikationsmittel aller Generationen. Auch hierfür ist der Ausbau des Breitbandes unerlässlich.

3. Wanderung als Chance begreifen und Perspektiven gestalten

Die Abwanderung von jungen Menschen lässt sich nicht verhindern. Sie ist eine Option für junge Menschen und sollte auch nicht negativ bewertet werden. Kommunen und Verantwortliche vor Ort müssen gemeinsam mit allen BewohnerInnen für eine Perspektive des Zurückkommens sorgen und dabei ihre Handlungsmöglichkeiten ausschöpfen. Wenn dies gelingt, hat die zeitweilige Abwanderung von jungen Menschen Innovationspotenzial für die ländlichen Regionen.

Die Kontakte zu Dorfkindern sind zu halten, „die Türen müssen offen bleiben“. Kommunen können den Kontakt zu diesen jungen Menschen personell organisieren und sie über aktuelle Entwicklungen der Kommune informieren. Hierfür sollten die Kommunen mit allen Akteuren unter Einbindung der Betroffenen, ein Rückwanderungskonzept erstellen.Rückgewanderte junge Frauen tragen andere Sichtweisen und Ansprüche in die Region. Die noch immer stärker wirkende traditionelle Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen im ländlichen Raum kann aufgebrochen werden. Hierfür braucht es Qualifizierungsangebote für junge Männer sowie konkrete Unterstützungsangebote bei der Kinderbetreuung oder den haushaltsnahen Dienstleistungen.Beispiele aus guter Praxis müssen veröffentlicht und KommunalpolitikerInnen bundesweit zur Verfügung gestellt werden.Ländliche Kommunen sind gut beraten, Anreize für den Zuzug neuer Bewohner und die Ansiedlung von Wirtschaft zu schaffen. Die Chancen und Vorteile des Landlebens müssen dargestellt, eine Willkommenskultur geschaffen und durch gute Rahmenbedingungen unterfüttert werden.

Beschlossen vom Präsidium des dlv am 18.11.2013

[1] „In Ost wie West zeigt sich bei den 18 bis unter 25 Jährigen sehr deutlich die höhere Mobilität der Frauen.“ BBSR-Analysen KOMPAKT 04/ 2013

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