05. Oktober 2012 LandFrauen und Landwirtschaft · Ländlicher Raum

Erntedankerklärung 2012 von EDL, KLB, DBV und dlv

„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird.“ 1. Tim. 4,4

Am Ende der Ernte blicken wir dankbar auf alles, was wir empfangen haben. Wieder einmal wird uns deutlich, wie abhängig wir von der Schöpfung sind und wie eng wir als Menschen in Beziehung zu allen Mitgeschöpfen stehen. Lebendige Wesen, voran die Tiere, sind niemals einfach nur „Rohstoff oder Material“. In ganz besonderer Weise soll das Zusammenwirken von Mensch und Tier von der Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung, von der Ehrfurcht vor dem Leben, geprägt sein.

Respekt soll aber auch beim gesellschaftlichen Diskurs über die Zukunft der Tierhaltung, speziell der Nutztierhaltung, oder bei der Weiterentwicklung des Tierschutzes oder über den Fleischkonsum herrschen.

Dies fordern anlässlich Erntedank 2012 in ihrer gemeinsamen Erklärung der Evangelische Ausschuss für den Dienst auf dem Lande in der EKD (EDL), die Katholische Landvolkbewegung Deutschlands (KLB), der Deutsche LandFrauenverband (dlv) und der Deutsche Bauernverband (DBV).

Tierschutz ist Anliegen der Bauern

In Deutschland ist Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz verankert. Zudem haben wir mit anderen die höchsten Tierschutzstandards weltweit. Diese Anforderungen werden von amtlichen Tierärzten in den Ställen überprüft. Forschung und technischer Fortschritt ermöglichen seit jeher, die Haltungsbedingungen zum Wohle der Tiere weiter zu verbessern. Landwirte tätigen dafür erhebliche Investitionen. In 2012 wird die deutsche Landwirtschaft voraussichtlich über 6 Milliarden Euro in neue, tierfreundlichere Ställe investieren, das sind fast zwei Drittel aller Investitionen der heimischen Landwirtschaft.

Besserer Tierschutz in Deutschland zeigt sich an der heutigen Haltung von Kälbern und Schweinen in Gruppen, von Kühen und Rindern in modernen Boxenlaufställen oder bei Kleingruppen in der Legehennenhaltung. Klimatisierte Ställe, mehr Freiraum für das einzelne Tier, unbegrenzter Zugang zu Futter oder die Entwicklung von modernen Kuh-Liegeflächen

und Melkanlagen haben dazu geführt, dass moderne Haltungsformen keinerlei Ähnlichkeiten mehr mit den dunklen und häufig nassen Ställen von früher haben. Frühere Missstände bei den Tiertransporten konnten durch Gesetze und Kontrollen zur Regelung der Transportbedingungen für Zucht- und Schlachttiere weitestgehend abgestellt werden.

Diese positiven Entwicklungen sollten durch die Billigpreisstrategie des Lebensmittelhandels, vor allem der Discounter, nicht ausgebremst werden. Der Druck auf die Landwirtschaft, tierische Nahrungsmittel wie Fleisch, Milch oder Eier möglichst preisgünstig zu erzeugen, ist erheblich gestiegen. Fortschritte im Tierschutz müssen kostenmäßig somit überwiegend allein von den Tierhaltern getragen werden. So fällt es zum Beispiel den Ferkel- und Sauenhaltern derzeit schwer, angesichts der niedrigen Ferkelpreise in den vergangenen Jahren die Investitionen für Stallumbauten für die ab 2013 geltende Gruppenhaltung der Sauen aufzubringen. Es zeichnet sich ab, dass gerade kleine Betriebe dann den Betriebszweig aufgeben müssen. Solche Strukturbrüche können aber nicht im Sinne des Gesetzgebers und der Gesellschaft sein.

Nutztierhaltung schafft intakte Landschaft und Wirtschaftswachstum

Die vielfältige landwirtschaftliche Nutztierhaltung ist Voraussetzung für den Erhalt einer intakten Kulturlandschaft. 30 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen, also 5 der 17 Millionen Hektar in Deutschland, sind Grünland. Landschaftlich reizvolle Regionen und Erholungsgebiete können nur über die Tierhaltung gepflegt und erhalten werden. Mehr als die Hälfte des Umsatzes der deutschen Landwirtschaft in Höhe von insgesamt 41 Milliarden Euro stammen von tierischen Erzeugnissen. Der größte Teil der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft ist in Höhe von einer Million in der Tierhaltung beschäftigt. Auch innerhalb der Lebensmittelkette werden dafür die größten Investitionen getätigt und die meisten Arbeitsplätze geschaffen wie z.B. bei der Futtermittelherstellung und bei Stallbauten.

In den vergangenen Jahrzehnten des zunehmenden Wohlstandes in Deutschland hat sich ein besonderes Verhältnis der Menschen zu den Tieren entwickelt. Mit ca. 22 Millionen Tieren, die in Haushalten gehalten werden, gibt es in Deutschland mehr Haustiere als Kinder. Demgegenüber ist der Kontakt zu landwirtschaftlichen Nutztieren bei einem Großteil der Bevölkerung verloren gegangen. Dies hat dazu geführt, dass die Diskussionen über Fortschritte in der Nutztierhaltung sehr emotional geführt werden. Dies darf aber nicht zu persönlichen Diffamierungen und Drohungen gegenüber tierhaltenden Landwirten bis hin zu Brandanschlägen auf amtlich genehmigte Stallneubauten als Mittel der Auseinandersetzung führen. Es wird der Weiterentwicklung des Tierschutzes auch nicht gerecht, wenn die Nutztierhaltung mit den Maßstäben der Haustierhaltung beurteilt oder jeder technische Fortschritt als „Industrialisierung“ oder als „Massentierhaltung“ abqualifiziert wird. Das Wohl des Einzeltieres ist mit heute üblicher Technik nicht mehr allein abhängig von der Anzahl der Tiere im Stall. Tierhaltende Bauern sind aufgerufen, den Dialog mit dem Verbraucher zu führen, um wieder Akzeptanz für ihre Nutztierhaltung zu erlangen.

Veränderungen verlangen praxisorientierte Forschung

Um den sich verändernden Anforderungen der Gesellschaft weiterhin nachkommen zu können, ist die nationale Forschung und Entwicklung zur Verbesserung der Haltungsbedingungen zu forcieren. So liegen heute noch zu wenig praxiserprobte Alternativen zur Ferkelkastration vor, obwohl Schweinehalter, Verbraucher und Politik sich über Veränderungen einig sind. Auch in der Tierzucht ist die Frage nach ethischen Grenzen zu beantworten; überzogene Leistungsanforderungen dürfen dafür nicht den Blick verstellen.

Eine aktive nationale Tierschutzpolitik ist auch im Rahmen des europäischen Binnenmarktes durchzusetzen, um Wettbewerbsverzerrungen in einzelnen Ländern auf Kosten der dort gehaltenen Tiere und zu Lasten der hiesigen Tierhalter zu verhindern. Tierschutzstandards sind endlich auch bei den Verhandlungen zum Welthandel (WTO) zu verankern. Sollte dies der Bundesregierung und der EU-Kommission nicht möglich sein, muss es einen besonderen Schutz für die in Deutschland und Europa erreichten Standards im Tierschutz geben. Tierschutz ist nicht teilbar! Heimische wie importierte Produkte müssen unter vergleichbaren nachhaltigen Bedingungen erzeugt werden.

Die Verantwortung für eine tiergerechte Haltung und für das Mitgeschöpf Tier liegt beim Landwirt, muss aber auch von allen Teilen der Gesellschaft gemeinsam getragen werden. Die Landwirte sind gefordert, das Tierwohl weiter voranzubringen. Diesen Weg verständnisvoll und mit Augenmaß mitzugehen, dazu sind Politik, Tierschutzorganisationen, Verarbeiter und Vermarkter wie Lebensmittelhandel aufgefordert, appellieren EDL, KLB, dlv und DBV zum Erntedank 2012.

Deutscher Bauernverband e.V.
Claire-Waldoff-Straße 7, 10117 Berlin
www.bauernverband.de

Deutscher LandFrauenverband e.V. (dlv)
Claire-Waldoff-Straße 7, 10117 Berlin
www.LandFrauen.info

Evangelischer Dienst auf dem Lande in der EKD (EDL)
Siener Straße 2, 55621 Hundsbach
www.lja.de/akademie/evangelischer-dienstauf-dem-lande-in-der-ekd-edl

Katholische Landvolkbewegung Deutschland
Drachenfelsstraße 23, 53604 Bad Honnef
www.klb-deutschland.de

Mit Unterstützung des:

Bund der Deutschen Landjugend (BDL)
Claire-Waldoff-Straße 7, 10117 Berlin
www.landjugend.de

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