27. November 2012 Gerechte Chancen · LandFrauen und Landwirtschaft · Pressemeldungen

Positionen des Deutschen LandFrauenverbandes zur Welternährung

Angesichts des prognostizierten Bevölkerungswachstums von 9 Mrd. Menschen bis zum Jahr 2050 und immer knapper werdender natürlicher Ressourcen (vor allem Wasser und Land) kommen global große Herausforderungen auf die Landwirtschaft zu.

Vor diesem Hintergrund fordert der dlv:

Die Förderung einer effizienten und gleichzeitig nachhaltigen Landwirtschaft muss wieder mehr Gewicht in der Entwicklungspolitik bekommen.Führung einer sachlichen Diskussion und Gewinnung weiterer Erkenntnisse über die Zusammenhänge zwischen der Erzeugung von Biokraftstoff, Spekulation mit Nahrungsmitteln, Entwicklung der Agrarmarktpreise und Hunger. Eine gute Regierungsführung der Entwicklungs- und Schwellenländer, die Frauen mehr Rechte einräumt, den heimischen Bäuerinnen und Bauern Landbesitz ermöglicht sowie die Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung in den ländlichen Räumen fördert. Unterstützung von allen Seiten beim Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen, einschließlich Genossenschaften, Erzeugergemeinschaften und ländliche Frauenorganisationen.

1. Landwirtschaft muss mehr tragende Säule der Entwicklungspolitik werden

Der dlv begrüßt die Absicht der Bundesregierung zu mehr Investitionen in die Landwirtschaft der Entwicklungsländer. Dies muss in Zukunft noch stärker in der Weiterentwicklung der Programme in der Entwicklungspolitik zum Ausdruck kommen. Europa leistet einen wesentlichen Beitrag zur globalen Ernährungssicherung; darüber hinaus ist jedoch die Entwicklung einer funktionierenden Agrarwirtschaft in den Entwicklungsländern, die über die Subsistenzwirtschaft hinausgeht und die Steigerung der Effizienz der landwirtschaftlichen Produktion zum Ziel hat, essentiell. In Hungerkrisen und Notsituationen muss weiterhin das Instrument der Nahrungsmittelhilfe bestehen bleiben. Dies darf aber nicht zu der Zerstörung aufgebauter landwirtschaftlicher Strukturen führen. Daher sind auch die Vorschläge der Europäischen Union zum neuen Nahrungsmittelhilfeübereinkommen (Food Assistence Convention), mehr finanzielle Hilfen statt Sachleistungen zu gewährleisten, begrüßenswert.

2. Teller und Tank – Nachhaltigkeit im Einsatz von Ressourcen

Der dlv ist überzeugt, dass eine Steigerung der Erträge auf den zur Verfügung stehenden Flächen unter Berücksichtigung der drei Säulen der Nachhaltigkeit verwirklicht werden kann. Um hier zukünftig noch effizienter zu werden, bedarf es verstärkter Investitionen in Agrarforschung, Beratung sowie in Aus- und Weiterbildung.

Aufgrund mangelnder ländlicher Infrastruktur, fehlender Technik sowie Lager- und Kühlmöglichkeiten kommt es in manchen Entwicklungs- und Schwellenländern zu Verlusten an Nahrungsmitteln von bis zu 30 Prozent. Um hier wirksam Abhilfe zu schaffen, sind auch die Regierungen in den Ländern gefragt, deren Blick bisher vielfach zu wenig auf die Landbevölkerung gerichtet war.

Unter Beteiligung des dlv findet in Deutschland in diesem Jahr eine breite gesellschaftliche Debatte zur Vermeidung von Lebensmittelabfall statt. Der Verlautbarung der Europäischen Kommission, den Lebensmittelabfall in der Europäischen Union bis zum Jahr 2020 um die Hälfte zu reduzieren, und den aktuellen Beratungen im Deutschen Bundestag müssen auch Taten folgen.

Wenn es um die Debatte über die Zusammenhänge zwischen Bioenergie, Flächenkonkurrenz und die Ursachen des Welternährungsproblems geht, mahnt der dlv zur Sachlichkeit. Oberste Priorität hat die Nahrungsmittelerzeugung[1]. Neben der Förderung einer nachhaltigen und effizienten Landwirtschaft und der Entwicklung der ländlichen Räume muss vor allem Sorge dafür getragen werden, dass der Landbesitz in den Händen der heimischen Bevölkerung bleibt. Dies erfordert v.a. eine gute Regierungsführung in den Entwicklungs- und Schwellenländern.

3. Stabile Agrarpreise und faire Wettbewerbsbedingungen - im lokalen und internationalen Handel

Angesichts einer weltweit knappen Versorgung mit Agrarrohstoffen und der öffentlichen Diskussion um erhöhte Agrarpreise wird die Transparenz auf den internationalen Agrarrohstoff- und Terminmärkten immer wichtiger. Dass dies aktuell auf EU-Ebene im Rahmen der Reform der Finanzmarktregelungen geschieht, ist zwar grundsätzlich positiv zu bewerten, wie auch der Beschluss der G-20-Agrarministerkonferenz vom Juni 2011 zum Aufbau eines Agrar-Markt-Informationssystems (AMIS); es wird aber davor gewarnt, die Funktionsfähigkeit von Warenterminbörsen einzuschränken. Gerade angesichts volatiler Agrarmärkte und zunehmender Markt-liberalisierung muss das Instrument der Warenterminbörsen bewahrt bleiben, damit der einzelne landwirtschaftliche Betrieb Risiken absichern kann und eine gewisse Preisstabilisierung erreicht werden kann.

Weitere Forschungen zu den Ursachen von Preisausschlägen sind erforderlich. Eindimensionale Betrachtungen, wie die Erklärung des Hungers mit der Spekulation mit Nahrungsmitteln, helfen nicht weiter.

Der moderate Anstieg von Lebensmittelpreisen sollte nicht grundsätzlich abgelehnt werden. Er kann den Bäuerinnen und Bauern in den Entwicklungsländern ein besseres Einkommen ermöglichen und ist somit Ausgangspunkt für mehr Kaufkraft, wirtschaftliche Entwicklung und Wertschöpfung im ländlichen Raum.

4. Mehr Unterstützung der Kleinbäuerinnen reduziert Hunger und Armut

Bereits bei der ersten Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen im Jahr 1975 hat die Politik erkannt, dass Strategien zur ländlichen Entwicklung und Ernährungssicherung ohne Berücksichtigung genderspezifischer Aspekte nicht zum Erfolg führen kann.

Auch wenn gewisse Erfolge erzielt werden konnten, sind die Arbeits- und Lebensbedingungen der meisten Landfrauen in den Entwicklungsländern bis heute alles andere als zufriedenstellend. Alle Möglichkeiten, die das jüngst verabschiedete fünfjährige Programm der Vereinten Nationen zur Förderung von Landfrauen bietet, sind daher auszuschöpfen.

Laut Report „The State of Food an Agriculture“ von 2010-2011 der Welternährungsorganisation FAO könnten die Ernteerträge in den Entwicklungsländern um 20 bis 30 Prozent erhöht werden, wenn Frauen die gleichen Produktionsbedingungen und Rechte eröffnet werden würden wie Männern. Wenn Frauen ein besserer Zugang zu Produktionsmitteln, insbesondere zu Land, zu Kapital, zu Märkten und vor allem auch zu Bildung ermöglicht werden würde, könnten Schätzungen zufolge 100 bis 150 Millionen Menschen vor dem Hunger bewahrt werden.

Mit Blick auf die Fortentwicklung einer nachhaltigen weltweiten Landwirtschaft müssen die Bäuerinnen in den Entwicklungsländern stärker in ihrer Rollenvielfalt berücksichtigt werden. Denn als Familienernährerinnen, beim Garten- und Kräuteranbau und in der Saatgut- und Pflanzenzucht verfügen sie über Wissen, das für eine nachhaltige Landwirtschaft von besonderer Bedeutung ist.

Weltweit bleiben bis heute die Leistungen der Frauen in der Landwirtschaft verkannt und nicht ausreichend gewürdigt. Dies hängt u.a. mit einer unzureichenden Datenlage zusammen. So ist der Beitrag der Frauen zur Ernährungssicherung und Entwicklung der ländlichen Räume statistisch kaum darstellbar, weil genderspezifische Erhebungen fehlen. Dem dlv ist es ein besonderes Anliegen, dass diese Lücken geschlossen werden.

Weiterhin muss die gesellschaftliche und politische Teilhabe von Frauen verbessert werden. Mehr Unterstützung von allen Seiten bei der Gründung von Genossenschaften und Erzeugergemeinschaften ist notwendig. Von besonderer Bedeutung ist außerdem der Aufbau von berufsständischen Vereinigungen für Bäuerinnen. Auch wenn die Ausgangsvoraussetzungen nicht unbedingt zu vergleichen sind, kann der Wissenstransfer bezüglich Vereinsgründungen und die damit verbundene Erfolgsgeschichte der LandFrauenbewegung in Deutschland wichtige Impulse geben. Einige LandFrauenverbände in Deutschland können bereits auf solche Projekterfahrungen zurückgreifen. Darüber hinaus unterstützt der Deutsche LandFrauenverband nach dem Motto „LandFrauen für LandFrauen“ seit mehr als 30 Jahren über Projekte der Welthungerhilfe Bäuerinnen und ihre Familien in den Entwicklungsländern.

Vom Präsidium am 19.11.2012 verabschiedet.

[1] Siehe hierzu: dlv-Positionspapier „Deutsche Landwirtschaft 2020 - ist die Eigenversorgung des Landes noch Aufgabe der deutschen Landwirtschaft?“ vom 9.12.2009

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