24. März 2014 Gerechte Chancen

Hausfrau und Familienernährer

Fraueneinkommen in ländlichen Regionen: Weibliche Lebensverläufe zwischen tradierten Rollenbildern und veränderten Lebenswirklichkeiten“, so der Titel der Veranstaltung des Deutschen LandFrauenverbands (dlv), die am 20. März in Berlin stattfand. Rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet trafen sich, um die Ursachen für das starke Gefälle zwischen den Gehältern von Männern und Frauen auf dem Land zu diskutieren. In Deutschland beträgt die Lohnlücke seit Jahren rund 22 Prozent, daher auch der Equal Pay Day am 21. März. An diesem Tag haben Frauen so viel verdient wie ihre männlichen Kollegen schon am Ende des Jahres 2013. Im ländlichen Raum fällt der Einkommensunterschied um weitere10 Prozentpunkte höher aus. Der dlv will mit dem durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) geförderten, jetzt zu Ende gehenden Projekt, “LandFrauenStimmen für die Zukunft – Faire Einkommensperspektive sichern“ die Einkommenslücke verringern. Das Projekt hatte den Zweck, mehr über die Hintergründe der Entgeltungleichheit zu erfahren.

„Wir haben jetzt als konsequente Fortführung unseres Engagements das Pilotprojekt ‚Qualifizierung von Equal-Pay-Beraterinnen‘ gestartet. Den ländlichen Raum vor Abwanderung schützen, bedeutet: Fachkräfte in den Regionen halten und die Erwerbs- und Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen zu verbessern – das geht nur über ein MEHR an Chancengerechtigkeit von Frauen,“ so die Einschätzung der dlv-Präsidentin Brigitte Scherb.

Regionale Wirtschaftsverbände, Kammern und Kommunen können das Know-how der Equal-Pay-Beraterinnen nutzen, um die Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt von Frauen zu verbessern. Die vom dlv qualifizierten Equal-Pay-Beraterinnen können ab Sommer 2015 für Vorträge, Veranstaltungen und Seminare, Workshops oder Unterrichtsmodule angefragt werden. Sie sollen Frauen und Männer, aber auch Institutionen über den Einfluss von stereotypen Rollenbildern und Partnerschaftskonzepten auf Berufswahl und Erwerbsunterbrechungen aufklären. Gleichzeitig sollen sie Frauen und Männer für die Notwendigkeit sensibilisieren, ihre Existenz- und Alterssicherung aktiv und chancengerecht zu betreiben. Letztlich bedeutet das, dass sie motivierend wirken, Beruf und familiäre Aufgaben gleichberechtigt zu teilen.

Zuvor hatte der Deutsche LandFrauenverband im Rahmen des Projekts zwei wissenschaftliche Untersuchungen in Auftrag gegeben, die Ursachen für diese Ungleichheit suchen. Claudia Busch, Leiterin Projektbüro Ländliche Räume (pro LR), stellte die Ergebnisse der Befragung zur familiären Situation von Frauen auf dem Land vor: Welcher Partner ist Vollzeit berufstätig? Wer kümmert sich um Kinder und Haushalt?

Die Ergebnisse zeigen, dass Partnerschaften sehr traditionell geprägt sind. Kinder und Küche bleiben an der Frau hängen, die dafür beruflich kürzer tritt oder die Erwerbsarbeit gänzlich aufgibt, unabhängig von der oftmals höheren Qualifikation der Frau. "Männer in Elternzeit oder vollzeittätige Frauen stehen in ihrem Dorf oft alleine da“, so Claudia Busch. „Ihre Nachbarn fühlen sich durch veränderte Rollenmuster möglicherweise im eigenen Lebensentwurf bedroht. Diese Familien brauchen also noch viel mehr Unterstützung durch eine entsprechende Infrastruktur, die Sichtbarmachung alternativer Rollenbilder und ein gerechtes Steuersystem."

Praktische Hilfestellung bieten auch die Ergebnisse der Studie „Mädchenbilder – Handwerksrollen: Images und geschlechtergerechte Ansprache in ländlichen Räumen“. Untersucht wurde, ob Handwerks- und Agrarberufe so dargestellt werden, dass sich Mädchen angesprochen fühlen. Gelingt es, Ausbildungsberufe im Handwerk und in der Landwirtschaft in Internetauftritten, in Berufsinformationsmaterialien für Jugendliche und in der regionalen Medienberichterstattung zeitgemäß und jenseits traditioneller Rollenklischees zu präsentieren?

Stefan Reuyß, Diplom-Soziologe und Geschäftsführer von SowiTra – Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer, Berlin sagt dazu: „Gegen traditionelle Geschlechterbilder ist nicht so leicht anzukommen. Es muss auf verschiedenen Ebenen gearbeitet werden, um etwas zu verändern. Im Vordergrund sollte das Aufbrechen traditioneller Rollenbilder und geschlechtlicher Zuschreibungen von Berufen stehen. Betriebe sollten gezielt junge Frauen ansprechen und dieses auch in ihren Ausschreibungen kenntlich machen. Unabdingbar sind eine geschlechtergerechter Ansprache und ein Hinweis, der Mädchen ausdrücklich zur Bewerbung ermutigt.“

Zum Abschluss der Tagung zogen zwei Wissenschaftlerinnen das Fazit. Dr. Hildegard Matthies vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) erklärte, dass die Veranstaltung gezeigt habe, wie komplex die Gemengelage sei. Es sei deutlich geworden, wie Rahmenbedingungen ihre Wirkung beim Individuum entfalten. Besonders beeindruckt habe sie die Erkenntnis, wie wirkungsmächtig die traditionellen Leitbilder auf dem Land noch seien. Und Dr. Alexandra Krause vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. ergänzte, dass im Laufe der Tagung deutlich geworden ist, dass alternative Rollenbilder fehlten. „Um etwas zu ändern, ist es daher wichtig, alle Akteure ins Boot zu holen.“ Brigitte Scherb hob hervor, dass die Wirtschaft ein wichtiger Partner sei, wenn es darum ginge, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern.

Zugleich betonte sie: „Es kann jetzt aber nicht sein, dass wir uns komplett darauf konzentrieren, Mädchen zu einer Ausbildung in den besser bezahlten Technikberufen zu bewegen. Denn wer übernimmt dann die Aufgaben in den bisher typischen Frauenberufen? Diese müssen aufgewertet und vor allen Dingen besser bezahlt werden.“

Bewerben Sie sich bis zum 4. April als „Equal-Pay-Beraterin“ beim dlv.

Informationen finden Sie unter www.landfrauen.info

 

Positionen weiterer ReferentInnen der Veranstaltung:

Dietmar Hobler, Dipl.-Soziologe, SowiTra – Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer, Berlin

In Deutschland ist der Verdienstabstand zwischen Frauen und Männern erstaunlich hoch und so konstant wie in nur wenigen anderen Ländern der EU. Der Deutsche LandFrauenverband bietet nun als Pilotprojekt eine praxisorientierte und berufsbegleitende Qualifizierung zur Equal-Pay-Beraterin an. Die Equal-Pay-Beraterinnen sollen über das Thema Entgeltgleichheit informieren und Frauen dazu beraten. Langfristig soll damit geholfen werden, den Verdienstabstand zwischen Frauen und Männern zu verringern.

 

Angelika Puhlmann, Diplom-Pädagogin, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

In unserer medialen Welt wird – neben den traditionellen Medien – das Internet auch für die Berufsorientierung Jugendlicher immer wichtiger. So fortschrittlich das Medium, so klischeehaft sind z.T. noch immer Darstellungen von Berufen und der Berufswelt. Dabei gibt es – auch das zeigt sich – viele Beispiele für zeitgemäße Bilder, die ein Gleichheitsverhältnis zwischen Männern und Frauen in den unterschiedlichsten Berufsfeldern abbilden.

 

Prof. Dr. Heike Trappe, Diplom-Soziologin, Universität Rostock

In der sozialwissenschaftlichen Forschung zeigt sich seit längerem, dass die subjektiv wahrgenommene Fairness der Arbeitsteilung innerhalb der Partnerschaft entscheidender ist als die reale Aufteilung von Haus-, Familien- und Erwerbsarbeit, wenn es z.B. um die Zufriedenheit mit der Beziehung oder die Entscheidung für ein (weiteres) Kind geht. Was subjektiv als gerecht empfunden wird, hat viel mit den Bedingungen des eigenen Aufwachsens zu tun, aber auch damit, was im eigenen sozialen Umfeld gängige Praxis ist. Auch aus diesem Grund zeigen sich unterschiedliche Muster bei ost- und westdeutschen Paaren, wenn es darum geht, besser zu verstehen, warum die Arbeitsteilung innerhalb der Partnerschaft als unfair empfunden wird.

 

Martje Rohmann, Diplom-Sozialpädagogin, Koordinatorin „GenderKompetent – Geschlechtersensibilität erhöhen – Qualität im Übergang Schule-Beruf sichern“, Handwerkerinnenhaus Köln e. V.

„Berufsorientierung und individuelle Berufs- und Lebensplanung sind untrennbar miteinander verknüpft. Mädchen wie Jungen benötigen positive Rollenvorbilder und mit Praxiserfahrung verbundene Erfolgserlebnisse (auch) außerhalb gängiger Rollenzuschreibungen. Hierdurch werden ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstwirksamkeit nachhaltig gestärkt. Eine geschlechtersensible Haltung der Akteur_innen im Übergang Schule - Beruf erleichtert zusätzlich den Zugang zu einer kompetenzbasierten Ausbildungs- und Studienwahl. Sie ist ein wichtiger Baustein zur Verwirklichung von Chancengleichheit.“

 

Aktiv für Frauen und ihre Familien im ländlichen Raum:
Über den Deutschen LandFrauenverband e.V. (dlv)

Der Deutsche LandFrauenverband e.V. (dlv) ist der bundesweit größte Verband für Frauen, die auf dem Lande leben, und deren Familien. Ziel ist, die Lebensqualität und die Arbeitsbedingungen im ländlichen Raum zu verbessern. Der dlv vertritt die politischen Interessen aller Frauen in ländlichen Regionen und den Berufsstand der Bäuerinnen.

500.000 Mitglieder, 12.000 Ortsvereine, 22 Landesverbände bilden zusammen ein starkes Netzwerk. Der Verband nutzt seine gesellschaftliche Kraft, um die soziale, wirtschaftliche und rechtliche Situation der Frauen zu verbessern. Präsidentin ist Brigitte Scherb.

Eine der wichtigsten Aufgaben des dlv ist die Fort- und Weiterbildung. Über 115.000 Bildungsveranstaltungen, die im gesamten Bundesgebiet angeboten werden, vermitteln den Mitgliedern Kenntnisse für bürgerschaftliches und politisches Engagement. Der dlv ermöglicht berufliche Qualifizierungen, die den LandFrauen neue Erwerbschancen eröffnen.

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