10. Oktober 2013 Kompetent im Alltag · Pressemeldungen

dlv-Kongress zur Verbraucherbildung an Schulen

Das Publikum diskutierte lebhaft mit, hier Heike Eichblatt (rechts). Sitzend: Die Vorsitzende der Verbraucherschutzministerkonferenz Lucia Puttrich (links) und Brigitte Scherb, Präsidentin des dlv (mitte)

Auf dem dlv-Kongress zur Verbraucherbildung an Schulen zogen LandFrauen heute Bilanz zum Status Quo eines Unterrichtsfachs Alltags- und Lebensökonomie. Gemeinsam mit geladenen Experten diskutierten sie die Konsequenzen der jüngst verabschiedeten Empfehlung der Kultusministerkonferenz (KMK) zur Verankerung der Verbraucherbildung an Schulen. Rund 155.000 Unterschriften hat der dlv am Montag der KMK übergeben.

„Wir hoffen, dass die KMK mit ihrer Empfehlung zur Verbraucherbildung an Schulen, lang ersehnte Weichen gestellt hat“, so Brigitte Scherb, Präsidentin des dlv. „Unsere langjährige Forderung nach einem Unterrichtsfach Alltags- und Lebensökonomie haben wir am Montag mit der Überreichung von rund 155.000 Unterschriften einmal mehr verdeutlicht. Auch in Zukunft werden wir dem solange Nachdruck verleihen, bis Alltags- und Lebensökonomie an allen Schulen bundesweit unterrichtet wird“, kündigte Brigitte Scherb an.

Die Vorsitzende der Verbraucherschutzministerkonferenz Lucia Puttrich aus Hessen rief zum Handeln auf: „Es darf uns nicht kalt lassen, wenn immer mehr junge Menschen Privatinsolvenz anmelden – weil oft grundlegendes Finanzwissen fehlt. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn Kenntnisse über Herkunft und Produktion von Lebensmitteln nicht mehr vorhanden sind. Denn die Folgen sind nicht nur falsche Ernährung und schlechte Gesundheit, sondern auch mangelnde Wertschätzung und Verschwendung von Lebensmitteln. Wir müssen Angebote machen, wenn grundlegende Alltagskompetenzen fehlen.“

Die LandesLandFrauenverbände sind aufgerufen, ihre bestehenden Netzwerke zu nutzen und auszubauen, um sich für die gemeinsame Sache stark zu machen. Denn die Bildungshoheit liegt bei den Ländern.

 

LandFrauen aus Schleswig-Holstein, Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen präsentierten gemeinsam mit Vertreterinnen der zuständigen Landesministerien während des Kongresses den Status Quo in ihren Bundesländern: Schleswig- Holstein hat das Unterrichtsfach Verbraucherbildung an allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe eins zum Schuljahr 2009/10 eingeführt. Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen werden aller Voraussicht nach kein eigenständiges Unterrichtsfach einführen, sondern den Unterricht fächerübergreifend etablieren. Auch Bayern wird die Inhalte fächerübergreifend vermitteln, legt aber bei der Umsetzung für die Schulen verpflichtende Module fest.

„Wir sind der Überzeugung, dass ein neues Schulfach am besten garantiert, dass die Lehrerinnen und Lehrer gut qualifiziert werden und die Inhalte genügend Aufmerksamkeit im Schulalltag erhalten. Aber das Wichtigste ist, dass Alltagskompetenzen Einzug in die schulische Bildung erhalten. Der dlv und auch die Landeverbände der LandFrauen werden die unterschiedlichen Entwicklungen in den Bundesländern konstruktiv begleiten“, betont Brigitte Scherb.

Weitere wichtige Erkenntnisse der Tagung waren:

Für hauswirtschaftliche Bildung und Ernährung bietet die Ganztagsschule neue Chancen. Eine gute Schulverpflegung und die Ernährungserziehung an Schulen müssen konzeptionell zusammenpassen. Hauswirtschaftliche Fertigkeiten und eine praktische Herangehensweise bei der Ernährungserziehung dürfen neben den anderen wichtigen Themen nicht zu kurz kommen.Schulen könnten schon heute die Verbraucherbildung zu einem Schwerpunkt machen. Dafür sind sie bundesweit stärker zu sensibilisieren.

 

Aktiv für Frauen und ihre Familien im ländlichen Raum:
Über den Deutschen LandFrauenverband e.V. (dlv)

Der Deutsche LandFrauenverband e.V. (dlv) ist der bundesweit größte Verband für Frauen, die auf dem Lande leben, und deren Familien. Ziel ist, die Lebensqualität und die Arbeitsbedingungen im ländlichen Raum zu verbessern. Der dlv vertritt die politischen Interessen aller Frauen in ländlichen Regionen und den Berufsstand der Bäuerinnen.

 

500.000 Mitglieder, 12.000 Ortsvereine, 22 Landesverbände bilden zusammen ein starkes Netzwerk. Der Verband nutzt seine gesellschaftliche Kraft, um die soziale, wirtschaftliche und rechtliche Situation der Frauen zu verbessern. Präsidentin ist Brigitte Scherb.

Eine der wichtigsten Aufgaben des dlv ist die Fort- und Weiterbildung. Über 115.000 Bildungsveranstaltungen, die im gesamten Bundesgebiet angeboten werden, vermitteln den Mitgliedern Kenntnisse für bürgerschaftliches und politisches Engagement. Der dlv ermöglicht berufliche Qualifizierungen, die den LandFrauen neue Erwerbschancen eröffnen.

 

Statements der Referentinnen und Podiumsteilnehmer/innen

Ursula Egli, Vorstandsmitglied des Schweizer Bäuerinnen- und Landfrauenverbands

„Wir Bäuerinnen- und Landfrauen setzen uns ein für die Alltagskompetenzen und sind von deren Wichtigkeit überzeugt. Die Alltagskompetenzen sollen in Familie, in Schule und Wirtschaft ihre Verankerung finden. Damit viele Bevölkerungsgruppen, sowie Bevölkerungsschichten die Wichtigkeit der Alltagskompetenzen erkennen, streben wir eine breite Zusammenarbeit, ein gutes Netzwerk an.“

Birgitt Feddersen, Vizepräsidentin des LandFrauenverbandes Schleswig-Holstein e.V.

„Verbraucherbildung ist Lernen fürs Leben. Seit dem Schuljahr 2009/2010 gibt es in Schleswig-Holstein das Fach Verbraucherbildung als verbindliches Wahlpflichtfach für die Klassen 5 bis 10 an allen Gemeinschafts-, Regional- und Förderschulen. Wir fordern das Fach Verbraucherbildung als verpflichtendes Schulfach an allen allgemeinbildenden Schulen.“

Andrea Fuß, Direktorin des Fachbereiches Menschen im ländlichen Raum im Bayerischen Bauernverband

„Mangelnde Alltagskompetenzen haben nicht nur für das Individuum, sondern für die gesamte Gesellschaft weit reichende Folgen. Die Schule hat den Auftrag auf das spätere Leben vorzubereiten. Deshalb muss aus Sicht der Landfrauen im Bayerischen Bauernverband hier angesetzt werden. Von November 2012 bis April 2013 haben sie 94.049 Unterschriften für die Einführung eines Unterrichtsfaches Alltags- und Lebensökonomie gesammelt und diese Anfang Juni an den bayerischen Kultusminister übergeben. Die Ankündigung des Kultusministers Alltags- und Lebensökonomie als verpflichtenden Unterrichtsgegenstand in allen Schulklassen und über alle Schularten hinweg im Lehrplan zu verankern ist aus Sicht der Landfrauen ein Schritt in die richtige Richtung.“

Kerstin Hösch, Regierungsschuldirektorin, Stabsstelle Gemeinschaftsschulen, Inklusion, Referat 34, Baden-Württemberg

„Verbraucherbildung hat die Entwicklung eines selbstbestimmten und verantwortungsbewussten Verbraucherverhaltens zum Ziel. Verbraucherbildung als lebenslanger Prozess stärkt Kinder und Jugendliche in ihren Alltagskompetenzen, so dass sie ihr Leben eigen- und sozialverantwortlich sowie selbstbestimmt führen können.

Baden-Württemberg hat sich entschieden im Zuge der Bildungsplanreform Leitprinzipien für den neuen Bildungsplan, der 2015 eingeführt werden soll, zu formulieren. Eines der Leitprinzipien ist die Verbraucherbildung. Es greift dabei die konkreten Berührungspunkte von Verbraucherthemen im Leben der Schülerinnen und Schüler auf.“

Jutta Kuhles, Vizepräsidentin des Rheinischen LandFrauenverbandes

„Unkenntnis und Überforderung bei der Haushaltsorganisation und im Haushaltsmanagement, den alltäglichen Konsumentscheidungen, aber auch bei langfristigen Lebensentscheidungen, haben weitreichende negative Folgen für den Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt. Diese Entwicklung war für uns LandFrauen der Anlass, aktiv zu werden. Unser Thema: „Hauswirtschaft: so wichtig wie Lesen und Schreiben – nachhaltige Verbraucherbildung im Schulunterricht“ prägt unsere Verbandsarbeit nachdrücklich. Wir fordern ein eigenes Schulfach, um der gesellschaftlichen Bedeutung der Alltagskompetenzen gerecht zu werden. Dies ist sicher nicht von heute auf morgen umsetzbar, dennoch sind wir von der Notwendigkeit überzeugt und bleiben dran!“

Elfriede Ohrnberger, Leiterin der Abteilung III im Bayrischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus

Die Beibehaltung des fächerübergreifenden Vermittlungsansatzes im Freistaat Bayern erfolgt aus diesen Überlegungen:

· Organisatorische Überlegungen:

  • Unterrichtszeit und Stundentafeln als Rahmen berücksichtigen
  • Zugang zu vielfältigen Facetten der Alltagskompetenzen in den etablierten Fächern ohne großen organisatorischen Aufwand ermöglichen
  • Fundiert ausgebildete Lehrkräfte können Verbraucherbildung bei entsprechender verstärkter Sensibilisierung überzeugend und nachhaltig vermitteln

· Inhaltliche Überlegungen:

  • Ziel der Anbahnung von Einstellungen und des Einübens von konkretem Verhalten vor allem durch „informelles Lernen“ zu erreichen
  • Vielfältige Wiederholungen und „Einschleifen“ von Kompetenzen bei Etablierung als Unterrichtsgegenstand ohne eigenes Unterrichtsfach mit unterschiedlicher Methodik, variierendem Blickwinkel und differierenden Fragestellungen

· Zukunftsorientierte Überlegungen:

  • Durch Etablierung als verpflichtenden Unterrichtsgegenstand
  • Stärkere Vernetzung der bereits vorhandenen Lehrplaninhalte
  • Systematisierte Berücksichtigung in allen Jahrgangsstufen und allen
  • Schularten
  • Künftig Berücksichtigung bei der Erstellung von neuen Lehrplänen

Prof. em. Dr. Michael-Burkhard Piorkowsky, Professur für Haushalts- und Konsumökonomik, Institut für Lebensmittel- und Ressourcen

„In den mir bekannten Konzepten der Verbraucherbildung kommt der produktive Aspekt der Lebensgestaltung zu kurz. Konsumenten werden fast nur als Käufer und Endverbraucher betrachtet. Übersehen wird vor allem dreierlei: erstens die Notwendigkeit der Einkommenserzielung, z.B. durch selbstständige Erwerbstätigkeit und die daraus resultierende Vernetzung von Haushalt und Unternehmen; zweitens das Faktum der Haushalts- und Familienarbeit für die Gestaltung der Lebenslage; und drittens die Tatsache, dass Haushaltsproduktion und Konsum der Regeneration dient, also der Erhaltung der Lebensfunktionen, der Bildung von Humanvermögen und der Gewinnung von Lebenszufriedenheit.

Notwendig ist die Förderung von Kompetenzen für die ganze Haushaltsführung und das Leben als Familie – von Knopf annähen bis Familienkonferenz. Das solle in einem Schulfach gebündelt werden und für Jungen und Mädchen verpflichtend sein, damit Haushaltsführung und Familienarbeit später auch von den Männern gerne übernommen wird. Unsere Gesellschaft würde damit familienfreundlicher werden.“

Hannelore Wörz, Präsidentin LandFrauenverbandes Württemberg-Baden und Erste Vizepräsidentin des Deutschen LandFrauenverbandes

„Alltagskompetenzen sind die Grundvoraussetzungen für ein gelingendes Leben, sie müssen frühzeitig, ständig und lebenslang erworben werden – von diesem Grundsatz geht unsere Motivation aus in der Erwachsenenbildung für Frauen des Ländlichen Raums.

Die Mitgestaltung des gesellschaftlichen Lebens in den Dörfern und Städten durch LandFrauen zeigt sich auch in der Wissensvermittlung an die nachfolgende Generationen von Spaziergängen mit Kindergartengruppen, Betreuung der Ferienprogramme bis hin zu Schulbesuchen oder eigenen Juniorgruppen in den LandFrauenortsvereinen. Bereits vor 9 Jahren wurden mit dem Kultusminister Vereinbarungen zu einem Haushaltsführerschein getroffen, an vielen Schulen konnte dies umgesetzt und den Schülern mit einem Zertifikat bescheinigt werden.“

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