22. Januar 2014 · LandFrauen und Landwirtschaft

Bäuerliche Familienbetriebe: Das Ideal der Verbraucher?

Über 250 Frauen aus ganz Deutschland sowie Gäste aus Politik, Wissenschaft und Verbänden reisten am Samstag, 18.01.2014, zum BäuerinnenForum des Deutschen LandFrauenverbands (dlv) an. Anlässlich der Internationalen Grünen Woche (IGW) in Berlin griffen die LandFrauen das aktuelle Thema des UN-Jahres der familienbetriebenen Landwirtschaft auf. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten, ob der bäuerliche Familienbetrieb das Rückgrat einer modernen, nachhaltigen und zukunftsfesten Landwirtschaft in Europa ist und bleibt. Die Frage, was der Verbraucher sich wünscht, ist zentral bei vielen Beiträgen.

Das Fazit der Veranstaltung zeigt, dass die Vorstellung der Verbraucher in Bezug auf die Landwirtschaft häufig romantische Züge hat. Auch der Familienbetrieb wird selten als Ort der Innovation und Wirtschaftlichkeit gesehen. Damit die Menschen zukünftig ein realistisches Bild vom bäuerlichen Unternehmertum haben, müssen alle Beteiligten verstärkt in Kommunikation und Bildung investieren. Denn der bäuerliche Familienbetrieb ist in Deutschland das Modell, das am häufigsten und erfolgreichsten arbeite und den ländlichen Raum prägt. Daher gilt es, das Bild der Verbraucher stärker in Einklang mit der realen Landwirtschaft zu bringen. Der Verbraucherdialog muss gestärkt werden. Viele Landfrauen pflegen diesen heute schon durch Hofläden oder „Urlaub auf dem Bauernhof“. Und das Wissen über die Landwirtschaft muss von früh auf gefördert werden. Der Deutsche LandFrauenverband fordert in einem aktuellen Positionspapier, dass Kinder und Jugendliche mindestens einmal in ihrer Schullaufbahn einen landwirtschaftlichen Betrieb besuchen sollten.

Aus den Beiträgen der Veranstaltung

Die Einführung gestaltete die dlv-Präsidentin, Brigitte Scherb: „Wir freuen uns, dass die UN das Thema der bäuerlichen Familienbetriebe aufgreift. Es ist ein guter Zeitpunkt über das Thema zu sprechen, denn mit Blick auf das wachsende Interesse – und auch die wachsende Kritik – von Verbrauchern an landwirtschaftlicher Produktion, ist es wichtig den Stolz, die Freude und das Selbstbewusstsein der Bauern für ihre Produkte und ihre Arbeit zu verdeutlichen. Die Familie übernimmt persönliche Verantwortung für ihre Landwirtschaft und ist dabei fest in der Region verwurzelt. Es ist auch die Vernetzung in der heimatlichen Region, die die bäuerlichen Familien prägt.“

Brigitte Scherb weist darauf hin, dass die Rolle der Frauen auf den Höfen noch zu stark unterschätzt würde: „Ich bedauere, dass es noch keine bundesweite Erhebung gibt, die untersucht, welchen wichtigen Beitrag die Frauen zur Wertschöpfung der Betriebe leisten. Bäuerinnen sind heute viel mehr als nur mithelfende Familienangehörige. Sie führen eigene Betriebszweige und schaffen zusätzliche Einkommensalternativen für den landwirtschaftlichen Betrieb.“

Carl-Albrecht Bartmer, Präsident der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) erklärt, dass bei der Frage, ob der bäuerliche Familienbetrieb ein Auslauf- oder ein Zukunftsmodell sei, es wichtig sei den Begriff sorgfältig zu betrachten. „Es ist nicht genau definiert, wann es sich um einen Familienbetrieb handelt. Hierzu zählen der um Fremdarbeitskräfte erweiterte Familienbetrieb genauso wie eine Familienholding mit vielen Kapitalgesellschaften als Töchter.“

Die Rahmenbedingungen für Familienbetriebe würden sich nicht so sehr von denen anderer landwirtschaftlicher Unternehmen unterscheiden. Gutes Unternehmertum zeichne sich dadurch aus, Freiräume zu erkennen und zu nutzen. Einen besonderen Schutz vom Staat für die eigene Betriebsform zu fordern, widerspräche dem Gedanken des freien Unternehmertums. Wichtig sei, sich auf seine eigenen Kräfte zu besinnen.

Der DLG-Präsident ist sich sicher, dass das Thema Nachhaltigkeit in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen wird: „Die Gesellschaft stellt zurecht Fragen an einen Wirtschaftssektor, der natürliche Ressourcen nutzt. Auf diese Frage müssen wir Antworten haben. Die Nachhaltigkeitszertifizierung könnte eine solche Antwort sein. Auch wenn der bürokratische Aufwand zu Anfang erheblich erscheint, ist die Zertifizierung von Nachhaltigkeit ein Aufwand, der sich langfristig für die Unternehmen lohnt.“

Liselotte Peter-Huber, Vizepräsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes (SBLV), betont wie wichtig die Familien auf den landwirtschaftlichen Betrieben in der Schweiz sind, besonders da die Landwirtschaftsbetriebe ihr Einkommen auf vielfältige Weise erwirtschaften.

„Eine geschickte Positionierung unserer Produkte und Leistungen im In- und Ausland hat für uns oberste Priorität. Nur so kann der bäuerliche Familienbetrieb auch wirklich eine Zukunft haben. Das UN-Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe kommt uns da sehr gelegen. Es bietet Gelegenheit, unsere Arbeit und Leistungen aufzuzeigen und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen“, so die Vizepräsidentin des SBLV.

Katrin Zander, Verfasserin der Studie „Erwartungen der Gesellschaft an die Landwirtschaft“ am Thünen-Institut, präsentierte ausgewählte Ergebnisse der aktuellen Studie. Bei den Befragungen für die Studie wurden die Erwartungen der Verbraucher abgefragt und in Verbindung gesetzt mit ihrem Wissensstand und Geschlecht. Auf Basis der Ergebnissen entwickelte das Institut Empfehlungen für die Politik. Neben der Schweinehaltung stand auch das Image der Landwirtschaft auf dem Prüfstand. „Am wichtigsten war den befragten Personen, dass die Einhaltung der bestehenden Vorschriften strenger kontrolliert wird. 92 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus. 80 Prozent fordern auch, dass sich die Landwirtschaft stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung bringen muss.“ Die Ergebnisse zeigen, dass ein hohes Misstrauen gegenüber den Landwirten besteht. „Die Einhaltung von Standards ist von großer Bedeutung. Ein schwarzes Schaf schadet der ganzen Branche“, so Katrin Zander.

Für Erstaunen im Publikum sorgte das Ergebnis, dass „die Personen, die über mehr landwirtschaftliches Wissen verfügen, der modernen Landwirtschaft gegenüber kritischer eingestellt sind“. Mehr Information führt also laut der Studie nicht zu mehr Akzeptanz. Eher können veränderte Bildungsangebote – am Besten von Kleinauf – helfen.

Katrin Zander schloss mit einer Empfehlung an die Politik. Weitere so genannte Label oder Qualitätssiegel für Lebensmittel, werden das Vertrauen der Verbraucher nicht mehr stärken. Zum einen sieht sie eine gewisse „Labeling-Müdigkeit“ und zum anderen, weil hier wiederum lediglich Menschen mit höheren Einkommen angesprochen werden würden. Vielmehr müsste eine übergreifende Lösung gesucht werden, die alle Akteure von Politik über Landwirtschaft und Gesellschaft einbezieht.

Dr. Andreas Möller, Autor des Buches „Das Grüne Gewissen – wenn die Natur zur Ersatzreligion wird“ leitet mit seinem Beitrag zur Podiumsdiskussion über. Die Generation Landlust besinne sich auf das „selber machen“ zurück, was beispielsweise auch den Erfolg von „Manufaktum“ erkläre. Es sei eine Renaissance des Begreifbaren in einer immer komplexeren Welt. Landwirtschaft wird als Handwerk verstanden. „Wenn die Menschen von Landwirtschaft reden, dann meinen sie eine sichere, vom Menschen geschaffenen Kulturlandschaft. Sie ist eine Metapher für Werte, wie Beständigkeit, Sicherheit, Geborgenheit, die wir vermissen. Jeder, der mit der Natur näher zu tun hat, weiß, dass sie genau diese Werte nicht erfüllt. Gleichzeitig haben wir in allen Bereichen der Gesellschaft einen neuen mündigen Verbraucher, der sich permanent bildet und sein Wissen erhöht.“ Dieser Verbraucher fände nun im Biomarkt den gleichen Überfluss wie in einem herkömmlichen Supermarkt. „Der Gedanke von Verzicht und dass wir eine bestimmte Art von Konsum reduzieren müssen, wenn wir etwas ändern wollen, finden wir in der aktuellen Biobewegung nicht wieder, so Dr. Andreas Möller.

In der Politik sei gerade in solchen Fragen eine Verschiebung der Milieus festzustellen. So würden die Grünen für sich beanspruchen, in Deutschland „den Heimatbegriff neu belebt zu haben“. Der deutsche Bauernverband beispielsweise sei zu einem der größten Interessenvertreter des Erneuerbaren Energien Gesetzes geworden.

„Groß = schlecht und klein = gut? Das wollte die Moderatorin der Veranstaltung Michaela Funk, Südwestrundfunk, gerne wissen. Besonders in Deutschland gelte bei der Mehrheit der Bevölkerung „Small is beautiful“.

Agnes Witschen, Mitglied des dlv-Präsidiums und Präsidentin des LandFrauenverbands Weser-Ems führt mit ihrem Mann und einem Mitarbeiter einen Familienbetrieb mit 80.000 Masthähnchen. Eine artgerechte Tierhaltung sei für sie keine Frage von groß oder klein. Sie sieht ihre Hähnchen mindestens zweimal am Tag. Sie appelliert an die Verbraucher, selbst Verantwortung zu übernehmen. Es wirkt sich positiv aus, wenn jeder Einzelne Lebensmittel wertschätzt und sich vernünftig ernährt.

Für Hans Müller, Generalsekretär des Bayerischen Bauernverbands, gehören zur Bäuerlichkeit das quantitative und qualitative Wachsen. Die häufige Überlastung der Familien sieht er mit Sorge. Ein wichtiger Schlüssel sei, dass die Familie die eigenen Stärken kennt und sie entsprechend nutzt. Durch gute Qualifikation können Betriebe gut strukturiert geführt werden. Er zeigt sich erfreut darüber, dass Bundesminister Peter Friedrich die Bedeutung der bäuerlichen Familienbetriebe für den Erhalt und die Entwicklung der ländlichen Räume erkenne.

Ministerialdirektor Wolfgang Reimer, Amtschef im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg, hingegen hält es für die Landwirtschaft, vor allem aber auch für die Entwicklung der ländlichen Räume für ratsam, nicht immer den nächsten Schritt im Strukturwandel mitzumachen, sondern durch gute landwirtschaftliche Beratung zusätzliche Einkommenschancen zu suchen. Dies wirke sich auch positiv auf die Entwicklung des ländlichen Raumes aus. Er kritisierte, dass die Mittel für die 2. Säule – oft belächelt als „Spielwiese für das, was die LandFrauen machen“ – im Zuge der aktuellen GAP-Reform erneut gekürzt wurden.

Was die Frage der Akzeptanz einer modernen Landwirtschaft anbetrifft, stimmten alle zu, dass nicht mehr Information, sondern mehr Bildung der Schlüssel ist. Auch wurde darauf hingewiesen, dass die Projekte der LandFrauen schon vieles leisten würden und die Möglichkeiten von „Urlaub auf dem Bauernhof“ auch an den großen Agrarstandorten im Norden Deutschlands stärker genutzt werden sollten.

Die Veranstaltung endete mit den Worten von Hannelore Wörz, erste Vizepräsidentin des Deutschen LandFrauenverbands und Präsidentin des Landesverbandes Württemberg-Baden. Sie verweist auf die große Chance der Bäuerinnen und LandFrauen, mit ihrer Glaubwürdigkeit und Authentizität Verbrauchervertrauen gewinnen zu können. Dank der Aufklärungsarbeit der Frauen würde der Verbraucher ein realistisches Bild von der Landwirtschaft in Deutschland gewinnen können: Eine Landwirtschaft, die gleichzeitig modern, innovativ und nachhaltig sei. So könne sie in der Mitte der Gesellschaft verankert bleiben. Sie dankte allen Referenten und Podiumsteilnehmern sowie der Moderatorin Michaela Funk vom Südwestrundfunk.

 

Aktiv für Frauen und ihre Familien im ländlichen Raum:
Über den Deutschen LandFrauenverband e.V. (dlv)

Der Deutsche LandFrauenverband e.V. (dlv) ist der bundesweit größte Verband für Frauen, die auf dem Lande leben, und deren Familien. Ziel ist, die Lebensqualität und die Arbeitsbedingungen im ländlichen Raum zu verbessern. Der dlv vertritt die politischen Interessen aller Frauen in ländlichen Regionen und den Berufsstand der Bäuerinnen.

500.000 Mitglieder, 12.000 Ortsvereine, 22 Landesverbände bilden zusammen ein starkes Netzwerk. Der Verband nutzt seine gesellschaftliche Kraft, um die soziale, wirtschaftliche und rechtliche Situation der Frauen zu verbessern. Präsidentin ist Brigitte Scherb.

Eine der wichtigsten Aufgaben des dlv ist die Fort- und Weiterbildung. Über 115.000 Bildungsveranstaltungen, die im gesamten Bundesgebiet angeboten werden, vermitteln den Mitgliedern Kenntnisse für bürgerschaftliches und politisches Engagement. Der dlv ermöglicht berufliche Qualifizierungen, die den LandFrauen neue Erwerbschancen eröffnen.

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